Politikerin im Auslandseinsatz: Humanitäre Hilfe am OP-Tisch

Susanne Schaper aus Chemnitz ist Landtagsabgeordnete und Krankenschwester. In ihrer Freizeit hilft sie dabei, kleine Kinder in Vietnam zu heilen, die an Fehlbildungen im Gesicht leiden.

Von Swen Uhlig, erschienen in "Freie Presse" am 04.04.2015

Susanne Schaper mit einem kleinen Patienten in der Klinik in Da Nang
Susanne Schaper mit einem kleinen Patienten in der Klinik im zentralvietnamesischen Da Nang. Deutlich mehr Kinder in Vietnam kommen mit der sogenannten Lippen-Kiefer-Gaumenspalte zur Welt als in Deutschland.
Foto: Privat

Eine Reha-Klinik in Da Nang, einer Großstadt in Zentralvietnam. Auf dem Operationstisch liegen zwei Säuglinge, kaum ein halbes Jahr alt, eineiige Zwillinge. Beide leiden unter einer ausgeprägten Lippen-Kiefer-Gaumenspalte, im Volksmund abschätzig als "Hasenscharte" oder "Wolfsrachen" bezeichnet. Parallel operieren zwei Ärzte aus Deutschland; medizinisches Personal ebenfalls aus Deutschland überwacht die Lebensfunktionen der winzigen Patienten. Unter ihnen ist Susanne Schaper, Landtagsabgeordnete der Linken und Stadträtin aus Chemnitz.

Die ausgebildete Krankenschwester ist mittlerweile zum siebenten Mal in Vietnam, um in ihrer freien Zeit einen Verein zu unterstützen, der in dem asiatischen Land humanitäre Hilfe leistet. Der Einsatz ist ehrenamtlich, Geld bekommt Susanne Schaper nicht. Es ist das Schicksal der fehlgebildeten Kinder, das sie nicht loslässt und immer wieder in diese Region der Erde zieht. "Als die Eltern ihre Zwillinge nach der Operation wieder in den Arm nehmen, sind sie überwältigt", berichtet sie. Immer wieder und wieder blicken sie ihre Säuglinge an und können nicht fassen, dass von der Fehlbildung kaum noch etwas zu sehen ist. "Die Szene hat mich tief berührt", sagt Schaper.

Seit wenigen Tagen ist die 37-Jährige wieder zurück bei ihrer Familie in Chemnitz. Sicher, so sagt sie, ihre drei Kinder vermissen sie jedes Mal, wenn sie für mehrere Wochen nach Asien reist. Ihr Mann, der in Chemnitz als niedergelassener Chirurg arbeitet, müsse dann eben den Haushalt organisieren, unterstützt von Oma, Opa und guten Freunden. "Aber er ist stolz auf mich und unterstützt mich auf der ganzen Linie", sagt Susanne Schaper und fügt hinzu: "Außerdem hält er meinen ehrenamtlichen Einsatz am Operationstisch für wesentlich sinnvoller als mein Engagement in der Politik."

Warum in Vietnam etwa drei Mal so viele Kinder mit derartigen Fehlbildungen im Gesicht zur Welt kommen wie in Deutschland, ist noch immer nicht erforscht. Mehrere Ursachen kommen in Frage, so die Folgen des Krieges und der Einsatz des Herbizids Agent Orange, Unter- und Fehlernährung und die wirtschaftliche Not. "Das Land ist zwar auf einem guten Weg, aber außerhalb der Städte herrscht immer noch Armut", hat Susanne Schaper beobachtet. Teilweise würden die kleinen Patienten nur mit einem Hemdchen bekleidet und ohne Schuhe an den Füßen in die Klinik gebracht.

Seit der Gründung des Vereines im Jahr 1995 - übrigens auf Initiative eines in Deutschland lebenden vietnamesischen Arztes für Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie - konnten nach Vereinsangaben mehr als 1500 Kinder und junge Erwachsene operiert werden. Die Patienten kommen zwar aus dem ganzen Land, der Großteil aber aus dem Norden, wo auch die Kriegsfolgen am stärksten spürbar sind. Viele Eltern nehmen eine weite Fahrt über hunderte Kilometer auf sich, um die Kinder behandeln zu lassen. Auch die Kosten der Anreise übernimmt der Verein und finanziert sie ebenso wie die medizinische Versorgung ausschließlich über Spenden.

Ob sie auch im nächsten Jahr wieder nach Vietnam reisen kann, sei noch nicht entschieden, sagt Susanne Schaper. Es war das erste Mal, dass sie als Berufspolitikerin im ehrenamtlichen Auslandseinsatz war, nachdem sie im vergangenen Jahr in den Landtag gewählt worden war. "Ich nutze gern die plenarfreie Zeit. Und der hohe organisatorische Aufwand ist es mir wert, auch wenn etwas Arbeit kurzzeitig liegenbleibt", sagt sie. Beleg dafür ist auch ihr E-Mail-Postfach: Während ihrer zweiwöchigen Abwesenheit hatten sich mehrere hundert Anfragen angesammelt.

© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG

Mehr zur Arbeit des Vereins DEVIEMED finden Sie auf der Website www.deviemed.de.

  • Deviemed Bild2Deviemed Bild3Deviemed Bild4
  • Deviemed Bild1
AKTUELLER ANTRAG
«Solidarische und gerechte Finanzierung von Gesundheit und Pflege»

der Fraktion DIE LINKE im Bundestag
28.03.2017

Antrag (Vorabversion)
hier (PDF-Datei 895 Kb)

BEITRAGSRECHNER
Wenn es eine solidarische Gesundheitsversicherung gäbe, was müsste ich bezahlen?

Zum Rechner