Deshalb verbringt eine Politikerin ihren Urlaub im OP-Saal

Susanne Schaper ist Landtagsabgeordnete und Stadträtin aus Chemnitz. Einmal im Jahr reist sie nach Südostasien - allerdings nicht zur Erholung.

Von Swen Uhlig, erschienen in "Freie Presse" am 27.03.2018

Die Chemnitzer Landtagsabgeordnete Susanne Schaper im Auslandseinsatz
Die Chemnitzer Landtagsabgeordnete Susanne Schaper im Auslandseinsatz: In ihrem erlernten Beruf als Krankenschwester gehört sie zu einem Team, bestehend aus Ärzten und plastischen Chirurgen, das Fehlbildungen bei Kindern in Vietnam operiert - hier bei einem fünf Monate alten Jungen.
Foto: Susanne Schaper

Eine Kinderklinik mitten in der vietnamesischen Provinz. Auf dem Gang vor den Operationszimmern warten Dutzende Mütter und Väter, im Arm halten sie fest umklammert Säuglinge. Nebenan hat jemand ein Moskitozelt aufgestellt, darunter liegt ein dreijähriges Mädchen. Was die Kinder miteinander verbindet, ist ihre schwere Behinderung: Sie alle leiden unter der sogenannten Kiefer-Lippen-Gaumenspalte. Bei der Fehlbildung wird der Rachenraum des Fötus im Mutterleib nicht vollständig geschlossen, bei den Neugeborenen ist je nach Ausprägung die Oberlippe, der Gaumen oder auch die Nase betroffen.

In Mitteleuropa kommt ungefähr jedes 500. Kind mit dieser Fehlbildung auf die Welt, die Ursachen sind zumeist erblich bedingt. In Vietnam ist die Häufiggkeit nach vorsichtigen Schätzungen drei Mal so hoch. Grund ist der Vietnam-Krieg, der zwar seit fast 43 Jahren beendet ist, dessen Spätfolgen sorgen aber weiterhin für eine so große Anzahl von fehlgebildeten Kindern. Die US-Armee, Kriegsgegner des nordvietnamesischen Regimes, hatte über dem Land tonnenweise das Herbizid Agent Orange abgeworfen, um so den Dschungel zu lichten und den Gegner besser ausmachen zu können. Agent Orange aber enthält hochgiftiges Dioxin, das vor allem das ungeborene Leben im Mutterleib schädigt - auch noch Jahrzehnte nach dessen Einsatz.

Es ist das Schicksal dieser Kinder, das Susanne Schaper nicht loslässt. Seit elf Jahren nutzt sie einen Teil ihres Urlaubs, um in ihrem erlernten Beruf als Krankenschwester zu helfen - unentgeltlich, versteht sich. Schaper, mittlerweile Landtagsabgeordnete der Linken und Fraktions-Chefin im Chemnitzer Stadtrat, ist Teil eines Operationsteams, das aus Fachärzten und plastischen Chirurgen besteht, die aus ganz Deutschland kommen, und die für zwei bis drei Wochen pro Jahr in Vietnam die Kinder operieren. Mitte März ist die 40-Jährige von ihrem diesjährigen Einsatz in dem südostasiatischen Land zurückgekehrt.

Die Mädchen und Jungen werden von ihren Eltern teilweise über hunderte Kilometer zu Fuß in die Klinik gebracht, berichtet sie. Dann warten sie tagelang auf den Fluren des Krankenhauses, bis ein OP-Tisch frei wird. Wenn die Eltern ihr Kind nach der Operation wieder in den Arm nehmen können, sei deren Freude überwältigend, so die Chemnitzerin. "Einmal hat eine Mutter geschrien vor Glück", sagt sie. Die Frau konnte einfach nicht glauben, dass die Fehlbildung ihres Babys nach dem Eingriff fast kaum noch sichtbar war. "Es ist häufig ein Wunder, was die Ärzte vollbringen", ergänzt die Krankenschwester.

Eigentlich kann die Gaumenspalte im Säuglingsalter gut korrigiert werden. Doch in Vietnam müssen die Familien die Kosten für die Operationen selbst übernehmen, was sich längst nicht alle leisten können. Daher leiden viele Kinder auch noch mit drei, vier Jahren unter der Fehlbildung; die Nahrungsaufnahme ist dadurch erschwert und kann häufig nur über eine Sonde erfolgen, zudem können die betroffenen Mädchen und Jungen nicht trinken und kaum sprechen.

Anfang März war Schaper nach Vietnam geflogen, im Gepäck hatte sie Spielzeug, das sie zuvor gesammelt hatte oder das ihr Freunde, Bekannte und Unterstützer gespendet hatten. Und nicht nur das: Sylvia Ost, Apothekerin vom Kaßberg, habe sie gefragt, ob sie helfen könne, sagt Schaper. Dann habe sie Medizin übergeben, die man in Vietnam gut gebrauchen konnte - Schmerz- und Fiebermedikamente sowie Desinfektionsmittel. Schapers Gepäck brachte es bei der Abfertigung am Schalter auf 82 Kilogramm - rund doppelt so viel wie erlaubt. "Aber die Leute von der Airline kennen uns, das passte schon", erinnert sie sich.

In der Klinik hätten die Ärzte im Akkord operiert, so Schaper, drei Tische in einem Raum, meist zwölf Stunden am Tag. Die längste Schichte dauerte von 7.45 Uhr am Morgen bis 22.15 Uhr am Abend - "das war wirklich keine Erholung", sagt die gelernte Krankenschwester. Vom Land gesehen habe sie "null". Nur einmal habe sich das Team einen halben Tag frei genommen, da war man am Strand. "Wir brauchten einfach mal eine Pause", sagt die 40-Jährige fast entschuldigend.

Warum das alles? "Ich sage jedes Jahr, es war das letzte Mal", sagt Susanne Schaper. Ihr Mandat als Abgeordnete sei stressig genug, zudem ist sie Stadträtin und selbst dreifache Mutter. Und dennoch: Sie werde wohl auch 2019 wieder nach Vietnam fliegen. "Obwohl da Landtagswahlkampf ist - was soll's", sagt Schaper. Sie brauche diese Aufgabe nicht nur für sich, um sich bewusst zu machen, was wirklich wichtig ist im Leben, wie sie sagt. Sie brauche es gerade auch für ihre eigenen Kinder - 14, 12 und 4 Jahre alt. "Solidarität kann man leicht predigen", so Schaper, "aber man muss sie auch vorleben." Ihre Kinder müssten Entbehrungen auf sich nehmen, drei Wochen ohne Mutter. "Aber das ist leichter zu erklären", sagt sie, "als drei Tage weg zu sein wegen politischer Termine in Dresden."

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